Bar Hebraeus als Poet
Bar Hebraeus hat in seinen Werken eine Sprache gefunden, mit der er dem klassischen, literarischen Syrisch-Aramäisch eine neue Blüte schenkte.
Vor allem in seinen Gedichten bedient er sich einer ausgesprochen poetischen Sprache. Seine Poesie erinnert in ihrer Form an die syrische Tradition, insbesondere an Ephrem der Syrer, ist aber zugleich von der aristotelischen Philosophie und der arabischen Literatur beeinflusst. So schuf er eine ungewöhnliche Verbindung aus philosophischer Präzision und dichterischer Schönheit.
Diese Schönheit findet höchsten Ausdruck in seinem Gedicht „Die göttliche Weisheit“, das folgendermaßen beginnt:
ܚܟܡܬܐ ܐܱܠܗܝܬܐ
ܦܓܱܥ ܒܺܝ ܜܠܝܬܐ ܒܥܠܡܐ ܕܡܓܗܪ ܠܫܡܫܐ ܙܝܘܗ݁
ܝܐܐ ܩܘܒܠܗ݁ ܘܙܪ݁ܓܢ ܥܝ̈ܢܝܗ݁ ܘܦܐܐ ܚܙܘܗ݁
ܒܬܘܠܬܐ ܗ̱ܝ ܘܐܡܐ ܜܠܝܬܐ ܘܤܒܬܐ ܘܕܡܝܪ ܫܪܒܗ݁
ܤܘܓܐܐ ܕܓܒܪ̈ܐ ܩܢܐܘܗ݁ ܐܢܬܬܐ ܘܠܐ ܚܕ ܚܟܡܗ݁܀
(Originaltext)
Die göttliche Weisheit
Mir begegnete in der Welt ein junges Mädchen, dessen Glanz selbst die Sonne überstrahlt, lieblich ihre Erscheinung.
Sie ist Jungfrau und Mutter, Mädchen und Greisin; wunderbar ist ihre Geschichte.
Viele Männer haben sie zur Frau genommen, doch keiner hat ihre Weisheit ganz erfasst.
(Übersetzung)
Bar Hebraeus vergleicht die Weisheit mit einem jungen Mädchen ihrer Schönheit wegen. Er nennt sie Jungfrau wegen ihrer Unfassbarkeit und ebenso Mutter, da sie die Mutter der Erkenntnis, der Einsicht, ist, ferner noch Greisin und Lehrerin der Verständigen. Mit den „Männern“ bezeichnet er die Weisen und Gelehrte; keiner von ihnen gelangte bis an ihr eigentliches Wesen.
Aus dem Kreis der Wissenschaftler in Maragha ist das Lob eines islamischen Gelehrten über die Äußerungen Bar Hebraeus’ zur Weisheit überliefert:
„Mir kommt es vor, als ob ich Aristoteles persönlich über die Weisheit reden höre.“
Selbst für die bedrückenden politischen Zustände seiner Zeit fand er humorvoll-poetische Worte:
Zeit, blind bist du wie ein Maulwurf Voller Stachel wie ein Igel Deine Gelehrten gleichen Wildeseln Deine Ratgeber, Architekten sind Eulen (blind, verwaist)


