Bar Hebraeus als Arzt und Mediziner
Bar Hebraeus ist auch als Mediziner bekannt. Bereits sein Vater Ahron war Arzt, was eine medizinische Vorbildung schon vor seinen Studien in Tripoli und Damaskus wahrscheinlich macht. Über Bar Hebraeus’ Medizin-Studium in Tripoli ist wenig bekannt. Ähnliches gilt für seine Arbeit als Arzt im Umfeld von Ǧamāl ad-Dīn Ibn ar-Raḥbī (gest. 1260) am Bimaristan von Damaskus. Diese Einrichtung, deren Gebäude bis heute in Damaskus erhalten sind, wurde 1154 unter dem zengidischen Herrscher Nūr ad-Dīn gegründet und diente nicht nur der Behandlung von Kranken, sondern auch der medizinischen Ausbildung.

Die Medizin zur Zeit Bar Hebraeus steht in einer Traditionslinie, die ihren Anfang im griechischen medizinischen Schrifttum nimmt: das sogenannte hippokratische Korpus (Entstehung ab dem 5. Jh. v. Chr.) und später, bereits zu römischer Zeit, die Schriften Galens (gest. ca. 200). Daneben spielen naturphilosophische Vorstellungen in der Rezeption von Aristoteles (gest. 322 v. Chr.) eine wichtige Rolle.
In einer Phase kultureller Blüte unter früher islamischer Herrschaft wurden diese und andere Werke sowohl ins Aramäische als auch ins Arabische übertragen, beispielsweise von Ḥunain ibn Isḥāq (gest. 873), der auch eigene medizinische Werke verfasste. Einen wichtigen Bezugspunkt für die Medizin bildeten außerdem die Schriften Avicennas (arab. Ibn Sīnā, gest. 1024), insbesondere seine „Richtschnur in der Medizin“ (al-Qānūn fī ṭ-ṭibb), die Bar Hebraeus wohl noch kurz vor seinem Tod anfing, ins Syrische zu übertragen.

Mit weiteren seiner Werke, wie Kommentare zu Ḥunain ibn Isḥāqs Schriften, lässt sich Bar Hebraeus auch textlich in zeitgenössische Trends im Umfeld des damaszener Bimaristans einordnen. Ein konkretes Zeugnis für Bar Hebraeus’ Tätigkeit als Arzt findet sich in seiner Kirchenchronik. Dort wird er als einer der Ärzte am Hof von Il-Khan Hülegü (gest. 1265) erwähnt. Diese Funktion scheint er auch für Interventionen im Sinne seiner Kirche genutzt zu haben. Ebenfalls mit Blick auf das Wohlergehen seiner Gemeinde wird das Ansiedeln zweier Ärzte in den neuen politischen Zentren Tabris und Maragha angesehen.


