Lebensstationen
Ein Leben für den Glauben, die Wissenschaft und die Menschen.
1226
Geburt in die Familie des Arztes Ahron in Melitene, heute Malatya, zu dieser Zeit ein wichtiges Zentrum der westsyrischen Kirche. Dort, bzw. in der Umgebung, verbrachte er seine Kindheit und frühe Jugend und wuchs im Glauben seiner Kirche und in deren theologischer Tradition heran. Sein Vater vermittelte ihm bereits frühzeitig medizinische Kenntnisse.
1243/1244
Nachdem die über Melitene herrschende Dynastie der Rūm-Seldschuken von den Mongolen geschlagen worden war, siedelte sein Vater Ahron im Gefolge eines mongolischen Generals, den er in Melitene behandelt hatte, nach Antiochien über, das heutige Antakya, im damaligen Kreuzfahrerstaat Antiochia. Dort vertiefte Bar Hebraeus nach eigener Darstellung mit Hilfe von zwei „Älteren“ als seinen Lehrern entscheidend seine theologischen Kenntnisse.

Die wichtigsten Aufenthaltsorte von Bar Hebraeus (dargestellt in den Grenzen der heutigen Türkei, Syriens, des Libanon, Iraks und Irans) 1244/1245
In dieser Zeit ging er von Antiochien nach Tripoli, dem heutigen Tripolis im Libanon. Hier studierte er Logik und Medizin. In seiner Chronik erwähnt Bar Hebraeus, mit dem Arzt Gamal ad-Din (gest. 1260) zusammengearbeitet zu haben, der an der berühmten medizinischen Lehr- und Heilstätte al-Bimaristan al-Nurī in Damaskus tätig war. Angesichts der medizinischen Studien ist zu vermuten, dass Bar Hebraeus, wie sein Vater, Arzt werden sollte, sich aber letztlich anders entschied.
1246/1247
Mit 20 Jahren wurde Bar Hebraeus von Patriarch Ignatios III. David zum Priester und im gleichen Jahr zum Bischof von Gubos (kleine Stadt bei Melitene) geweiht. Er erhielt den Amtsnamen Gregorios. 1247 wurde er als Bischof in die benachbarte Diözese Laquabin versetzt. Als Bischof führte er seine christlichen Gemeinschaften, übte pastorale Tätigkeiten aus und war auch für richterliche Aufgaben zuständig.
Gubos und Laquabin gehörten zu den sechs Diözesen rund um Melitene, die im Gefolge anhaltender kriegerischer Auseinandersetzungen in der Region 1283 völlig ruiniert waren, wie Bar Hebraeus in seiner Chronik vermerkt.
1247–1252
In diesen Jahren wirkte Bar Hebraeus als Bischof in seiner Diözese, vertiefte seine theologischen Studien vermutlich in Melitene und diente seiner Kirche als geistlicher Würdenträger.
U. a. nahm er 1252 an der Synode im Kloster Mor Barsaumo teil, wo nach dem Tod von Patriarch Ignatius III. der Bischof von Melitene, Dionysios Ahron Angur, mit dem bisherigen Metropoliten von Mardin, Johannes Bar Madani, um den Sitz des Patriarchen stritt. Diese Rivalitäten in der Hierarchie der westsyrischen Kirche waren Folge der politischen Instabilität der Großregion, hervorgerufen durch die Eroberungen der Mongolen. Im Gefolge der Synode gab es offenbar zwei Patriarchen: Johannes Bar Madani (reg. 1252 bis 1263) und Dionysios Ahron Angur (reg. 1252 bis 1261). Madani fand Unterstützung bei den arabischen Herrschern der Ayyubiden, während Dionysios sich mit den Mongolen arrangierte. Diese Rivalitäten bestimmten auch den weiteren Weg von Bar Hebraeus, der Dionysios nahe stand.

Ruinen des im 5. Jh. gegründeten Klosters Mor Barsaumo bei Malatya/Melitene. Vom 11. - 13. Jh. Sitz der syrisch-orthodoxen Patriarchen und Zentrum für Theologie und Bildung mit reichem Bestand syrischer Handschriften. Aufgegeben im 17. Jh. 1253–1258
1253 wurde Bar Hebraeus zum Bischof bzw. Metropoliten der im Vergleich zu Laquabin weitaus wichtigeren Stadt Aleppo ernannt. Vermutlich war dieser Aufstieg auch seiner Nähe zum Patriarchen Dionysios Angur zu verdanken.
Maphrian Ignatius Saliba, ein früherer Mitstudent von Bar Hebraeus, der dem Gegenpatriarchen Madani folgte, ließ ihn jedoch um 1255 mit Unterstützung der Ayyubiden absetzen. Umgekehrt konnte Bar Hebraeus durch Fürsprache Qīr Michael b. Gabras’, eines christlichen Arztes aus Melitene und Gesandten der Mongolen am ayyubidischen Hof, 1258 seinen Bischofssitz zurückerlangen. Möglicherweise stand das auch in Zusammenhang mit dem Tod von Maphrian Saliba um 1258.
In der Zeit von 1255 bis 1258 hatte sich Bar Hebraeus in das Kloster Mor Barsaumo zurückgezogen und vertiefte hier seine wissenschaftlichen Studien.
1258–1263
Die Amtszeit von Bar Hebraeus als Bischof von Aleppo stand in erheblichem Maße im Zeichen der mongolischen Eroberungen (u.a. 1258 die Eroberung und Zerstörung von Bagdad) und der arabischen Gegenwehr. Die Mongolen unter Il-Khan Hülegü (1256-1265) suchten die Christen als Verbündete gegen die Araber zu gewinnen. Begünstigt wurde die offenbar christenfreundliche Haltung Hülegüs durch den christlichen Glauben seiner Mutter und seiner Hauptfrau. Das verschaffte den Christen gegenüber den Muslimen Vorteile, zog aber auch deren Rache an den Christen nach sich.
1259 erkannte Hülegü offiziell Dionysios Ahron Angur als Patriarchen an, was die Position von Bar Hebraeus als Bischof von Aleppo festigte. Er stand nicht nur in dieser Funktion mit Hülegü in Verbindung, sondern wirkte auch als Arzt für den Il-Khan. Als die Mongolen 1260 Aleppo eroberten, setzte sich Bar Hebraeus gegenüber Hülegü für eine Verschonung der Christen ein.
1261 starb Dionysios. Johannes Bar Madani war damit der verbliebene Patriarch. Er verstarb zwei Jahre später.
So reiste Bar Hebraeus Ende des Jahres 1263 zur Wahl eines Nachfolgers nach Sis (heute Kozan) im damaligen Königreich Kleinarmenien. Die Wahl fiel auf Abt Jeschu, der als Ignatius IV. Jeschu am 6. Januar 1264 zum Patriarch gewählt wurde.

Il-Khan Hülegü mit seiner christlichen Ehefrau Doquz-Chatun (Persische Miniatur von Raschid ad-Din Hamadan, Anfang 14. Jh.) 1264
1264 – Aufgrund seiner Fähigkeiten und Verdienste wurde Bar Hebraeus am 19. Januar zum Maphrian, d.h. als Vertreter des Patriarchen von Antiochien im Osten bestimmt. In Anwesenheit von Hethum I., König von Armenien, wurde er in der Theotokos - Kirche in Sis geweiht.
Bar Hebraeus war damit selbstständiger Sachwalter des Patriarchen in diesem Amtsbereich, der nun vollständig in mongolisch beherrschtem Gebiet (im heutigen Irak und Iran) lag. Il-Khan Hülegü bestätigte ihn in seinem neuen Amt, das er von Mossul (Kloster Mor Mattei) aus versah. Bis 1266 gab es in dem völlig zerstörten Amtsbereich weiterhin politische Unruhen.
1266
1266 – Bar Hebraeus konnte sein Maphrianat in seinem gesamten Amtsbereich, einschließlich Tigrith, Tabriz und Maragha antreten. Von diesem Zeitpunkt an unternahm er ständige Reisen im Gebiet seiner Jurisdiktion. Zu seinen Aufgaben als Maphrian gehörte es unter anderem, Bischöfe und andere Amtsträger zu weihen. Ebenso widmete er sich dem Bau von Kirchen und kirchlichen Einrichtungen. So beförderte er den Wiederaufbau beziehungsweise den Erhalt der kirchlichen Infrastruktur und erwies sich als würdiges Oberhaupt und Neuorganisator seiner Kirche. Zugleich vertiefte er seine Gelehrsamkeit durch wissenschaftliche Studien, war weiter als Arzt tätig und gab seine medizinischen Kenntnisse an Studenten weiter.
Ein interessanter Aspekt ist dabei, dass Bar Hebraeus zwei seiner Medizinstudenten verheiratete und anwies, in Tabriz und Maragha - den beiden Hauptstätten seines Wirkens bis zu seinem Tode - zu leben. Dass er damit die medizinische Versorgung seiner Gemeinschaft sicherstellte, wird von Historikern (Takahashi und Yaguchi) als pastorale Tätigkeit verstanden.
1268–1278
1268-1278 – In der wissenschaftlichen Arbeit Bar Hebraeus´ und der Entwicklung seiner Gelehrsamkeit spielte Maragha, das er bereits seit 1260 besuchte, eine herausragende Rolle. Maragha war im persischen Reich seit dem 5./6. Jahrhundert ein Zentrum der Gelehrsamkeit mit internationaler Ausstrahlung. Nach der Eroberung Persiens nahm Il-Khan Hülegü hier seinen Hauptsitz. Von 1259 bis 1262 ließ er nach chinesischem Vorbild ein großes Observatorium errichten, dessen Leitung er seinem Minister und Hofastronomen Nasir Al-Din al Tusi übertrug.
Gleichzeitig wurde dem Observatorium eine bedeutende Bibliothek mit vierzigtausend Bänden angeschlossen, deren Bestände wahrscheinlich auch aus den geplünderten Bibliotheken von Bagdad und Damaskus stammten. In diesem wissenschaftlichen Zentrum versammelten sich Gelehrte aus verschiedenen Ländern und verschiedener Konfessionen. Zu diesem Kreis gehörte Bar Hebraeus.
Unter Nutzung des in Maragha versammelten Wissens in Form von Büchern und gelehrten Diskussionen entstanden hier fast alle seine bedeutenden wissenschaftlichen Schriften. Ihm erschlossen sich in diesem Umfeld u.a. die griechischen Philosophen und die Werke Ibn Sinas, des bedeutenden persischen Universalgelehrten, Arzt und Philosophen in arabischer Sprache.
Das ermöglichte es Bar Hebraeus, auf einzigartige Art und Weise das Wissen seiner Zeit zu durchdringen und zusammenzufassen. Durch die überwiegende Abfassung seiner Schriften in aramäischer Sprache konnte er seiner syrisch-orthodoxen Kirche dieses Wissen zugänglich machen. Ein Schatz, aus dem bis heute geschöpft werden kann.

Nasir al-Din al-Tusi im Observatorium von Maragha (Persische Miniatur von 1562, British Library) 1279–1286
Ab 1279 bewohnte Bar Haebraeus einen auf sein Geheiß errichteten Wohn- und Gebetsbereich in Maragha in unmittelbarer Nähe zum Observatorium und der Bibliothek. In dieser Zeit verfasste er seine bedeutendsten Werke. Zugleich kam er seinen Aufgaben als Maphrian weiter nach und wirkte pastoral.

Altar in seiner Asketenzelle, wo er die heilige Eucharistiefeier abhielt 1286
Bar Hebraeus starb mit 60 Jahren am 30. Juli 1286 in Maragha. Seine sterblichen Überreste wurden später in das Kloster Mor Mattei bei Mossul überführt und dort beigesetzt. Zur Beisetzung reisten neben den Repräsentanten seiner Kirche auch Gelehrte und Vertreter anderer Glaubensrichtungen aus Maragha an, was die Hochachtung und Wertschätzung unterstreicht, die Bar Hebraeus auf Grund seines Wirkens als gelehrter Autor, Repräsentant seiner Religionsgemeinschaft, Theologe und Philosoph genoss.

Grabstätte von Bar Hebraeus im Kloster Mor Mattei bei Mossul

Das Lebenswerk, das Bar Hebraeus hinterlassen hat, ist ein bleibender Schatz, aus dem bis heute geschöpft werden kann.



